Narzissmus 2.0
Ein relativ neuer Web 2.0-Dienst scheidet die Geister. Formspring.me erlaubt es seinen registrierten Nutzern, sich von wildfremden Menschen Fragen nach dem Motto “Ask me anything” stellen zu lassen. Schon Twitter wird häufiger vorgeworfen, die Selbstliebe einiger User auf die Spitze zu treiben. Formspring.me zeigt nun, dass es noch narzisstischer geht.
Hat man sich angemeldet, sieht man ein Eingabefeld unter dem oben genannten Motto und eventuell bereits beantwortete Fragen. Über neue Fragen wird man in einem eigenen Postfach informiert und kann dann entscheiden, ob man die Fragen beantwortet, einfach löscht oder als Spam markiert. Ist eine Anbindung zu Facebook, Twitter oder anderen sozialen Netzwerken vorhanden, was mit wenigen Klicks sehr einfach möglich ist, wird der Dienst zum Selbstläufer: Dort werden dann sowohl die Frage-Adresse als auch bereits beantwortete Sitzungen öffentlich gemacht.
Die narzisstische Komponente ist dabei nicht klein. Da jeder User selbst entscheiden kann, welche Fragen ihm genehm erscheinen und die er beantworten möchte, kann man sich stets in einem guten Licht präsentieren. Allerdings können Fragende auch zu anonymen Soziopathen mutieren, die Formspring.me-User mit Hassbotschaften bombardieren. Das Blog Valleywag bezeichnet den Dienst als “soziopathisches Crack Kokain des Oversharing.” Letzteren Begriff brachte uns das Web 2.0-Zeitalter; er steht für Menschen mit einem übertriebenen Mitteilungsdrang, die also mehr Informationen mitteilen als sich irgendjemand wünscht. Valleywag weiter:´”Formspring.me ist die Internet-Version von Wahrheit oder Pflicht. Gleichzeitig kann man darüber irgendjemanden emotional total fertigmachen. Das Hoch ist wie Crack.”`
Formspring.me hat bereits Nachahmer gefunden, die psychologisch betrachtet noch einiges mehr an Gefahrenpotential bieten. Failin.gs erlaubt es seinen Nutzern beispielsweise, ein Profil zu erstellen und sich von anderen (anonym!) erklären zu lassen, wo die eigenen Charakterschwächen liegen. Motto von Failin.gs: “What do people think of me, really?”
Hier gefunden: heise.de
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